Eva Menasse: Dunkelblum

August 1989 an der österreichisch-ungarischen Grenze. Ein Fremder aus Boston kommt in die kleine Stadt Dunkelblum im Burgenland. Er steigt aus dem Postbus und checkt im einzigen Hotel ein. Schon kurz darauf beginnt er, Fragen zu stellen und nachzuforschen und es zeigt sich, dass er so fremd gar nicht ist. In dem Örtchen mit wechselvoller Geschichte, das 40 Jahre vergessen hinter dem Eisernen Vorhang lag, beginnt sich alles erneut zu bewegen: Der erste DDR-Bürger gelangt über die grüne die Grenze. Kurz darauf wird der jüdische Friedhof, den eine Gruppe junger Studierender aus Wien von jahrzehntelangem Überwuchs befreit, geschändet.

Am Sonntag nach der Kirche versammeln sich auf der Rotensteinwiese die Einwohner, weil menschliche Knochen gefunden wurden. Hier tritt eine alte Geschichte zutage, die so mancher lieber verdrängt hätte. Das spitzt sich zu, als der mit seinen Aufgaben überforderte zweite Bürgermeister den Eintritt der Gemeinde in den regionalen Wasserverbund auf einer Versammlung verteidigt. Er sieht sich mit den örtlichen Bauern konfrontiert, welche die Wasservorkommen des Dorfes nutzen und autark werden wollen. Neue Wasserspeicher anzulegen würde jedoch bedeuten, noch weiter auf Wiesen graben zu müssen. Doch was – außer Wasser – würde mit nach oben wabern? Die Zusammenhänge alter Lasten sind so unterirdisch wie das Dunkelblumer Wassernetz.

Der Wirbelsturm der Ereignisse, der durch Dunkelblum fegt, hebt einige Gardinen. Doch der Sturm ist in seinem Zentrum buchstäblich totenstill. Schwere Luftmassen drehen sich um das Schweigen seiner Bewohner. Wer ist der oder die Tote auf der Wiese? Was ist damals passiert? Die einen wissen viel, andere weniger und trotzdem schweigen sie alle. Dieses großflächige Schweigen wird nur durch ihr Reden spürbar. Denn alle reden, nur nicht über das, worum es eigentlich geht.

Eva Menasse, die hier ihren dritten Roman vorlegt, erzählt die Geschichte des Städtchens an der Grenze wie einen Dorfroman. Sie lässt viele Akteure auf die Bühne treten – Einheimische, Zugereiste, Wiederkehrende, Jung und Alt. Sie schildert das Jetzt (1989) und arbeitet mit Rückblenden. Ein ganzer Kosmos windet sich um die Geschehnisse im heißen August, der bald von einem großen Gewitter erschüttert wird, das so heftig wütet, als wolle es die Dunkelblumer hinter den Gardinen an Himmel und Hölle erinnern:

„Es riss viele Dunkelblumer aus dem Schlaf, die einander in den folgenden Tagen immer wieder versicherten, sonst sonst gut zu schlafen, so tief wie die Gerechten. Doch diesmal erwachten sie, vom Donner, der alle Instrumente, die Becken, Pauken, Rasseln und Tschinellen gleichzeitig schlug und über der Stadt tobte, als wollte er Himmel und Erde zerhauen. Selbst die Schwerhörigsten trieb es aus den Betten, diesfalls von Blitzen, die so schnell aufeinander folgten, dass die Schwärze dazwischen wie unauffälliges Flackern wirkte, nicht anders herum.“

Dunkelblum ist ein Roman, der nach menschlichen Motiven sucht. Die ironische Sprache, und der sarkastische Unterton sind, angesichts eines schwerwiegenden Themas, gleichermaßen gewagt wie gelungen. An manchen Stellen hatte ich das Gefühl, als bekäme ich das Geschehen wie auf einem Stadtrundgang mit Führung erklärt. Was manchem Dunkelblumer anlastet, wird erst durch Distanz leichter ertragbar und durch den ironischen Erzählton dem Spott preisgegeben.

Wer eine die Abrechnung mit Tätern erwartet, ist mit diesem Buch falsch beraten. Wer nach menschlichen Motiven in grauenhaften Zeiten sucht, bekommt hier genug Stoff geliefert. Wen Dorfgemeinschaften interessieren und wer bildhafte, atmosphärische Sprache liebt, sollte dieses Buch unbedingt mit auf den Lesestapel packen!

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