Chrissi W: Deine Hand

Als ich geboren wurde, warst du nicht da. Die ersten sommerlichen Tage im Jahr 1978 ließen den Löwenzahn explodieren. Ihr hattet euch ein paar Tage Urlaub genommen und wart im gelben Moskwitsch Richtung Potsdam unterwegs um Freunde zu besuchen. An einem einsamen Bahnübergang hinter den Bergen des Thüringer Walds, blieb das russische Ungetüm plötzlich liegen. Der Motor war mit einem Gurgeln ausgegangen und wollte nicht mehr anspringen. Als du den zentnerschweren Kolloss anschieben musstest, damit Opa die Kupplung kommen lassen konnte, berührte deine Nase fast den Asphalt. Ungefähr zur gleichen Zeit fiel deine Tochter im Krankenhaus unseres Kreisstädtchens in Ohnmacht. Man schnitt ihr den Bauch auf und holte mich ans grelle Tageslicht. Kopfüber hängend, erhielt ich einen ordentlichen Poklatscher und konnte nicht anders, als lauthals zu schreien. Dieser Tag war für uns alle anstrengend.

Drei Tage später begegneten wir uns zum ersten Mal. Der Urlaub war hinfällig geworden, der Moskwitsch wartete geduldig hinter den Bergen auf Ersatzteile. Du nahmst mich in den Arm, betrachtetest mich und wurdest traurig. Du musstest an deine Söhne denken. Zwei Jahre war es her, dass sie über Nacht gestorben waren. Der eine fünfzehn, der andere sechzehn. Und jetzt dieses Baby, das dich mit 47 Jahren zur Oma machte. Als ich den ersten Gluckser von mir gab, wusstest du, dass deine Trauer nicht ewig währen würde. Ein leichtes Lächeln erhellte dein Gesicht. Vorsichtig schobst du deinen Finger in mein Händchen.

Mit meiner Hand in deiner konnte mir nie etwas passieren. Warm und weich fühlte sie sich an, dein Griff war fest, aber nicht drückend. Ich erinnere mich an den Sommer, an dem wir Hand in Hand ins Städtchen liefen. Die Eisdiele war geöffnet worden! Es gab immer dann Softeis, wenn die Maschine im Café Mokka Fix das Rühren und Kühlen durchgehalten hatte. Sobald die Neuigkeit darüber unsere Straße erreichte, marschierten wir los: am Wohnblock entlang, um die Bergesche Villa herum, durch das Kastanienwäldchen, an der Mauer des Stasi-Gebäudes um die Ecke, von dort über den Zebrastreifen an der Joliot-Curie-Schule, der völlig überflüssig war, weil sowieso nie ein Auto kam. Ich erblickte schon die Reihe zappelnder Kinder und mahnender Eltern. Die Schlange war noch nicht lang. Wir bestellten zweimal Erdbeere-Schoko. Während ich kurz darauf versuchte, das Eis schneller zu lecken, als die Sonne es über die Waffel schob, drücktest du meine Hand. Zweimal kurz. Ich antwortete still. Zweimal kurz. Als ich zu dir aufsah, lächeltest du mich an.

„Warum bringst du sie mir erst jetzt? Du weißt wohl nicht wie spät es ist?! Sie muss doch ins Bett!“ Schneidend war die Stimme meiner Mutter. Dabei war es erst acht. Die Sonne war noch nicht einmal untergegangen. Die Grillen zirpten ihr Sommerlied, der Duft von tageswarmer Erde stieg auf. Immer wenn Mutter so schimpfte, ging ich in Deckung. Doch du standest ganz ruhig und drücktest meine Hand. Eins, zwei. Den Tag in deinem Garten hatten wir genossen und nichts sollte ihn uns verderben. Baumklettern, Plantschbecken, Erdbeertorte. Von Onkel Gerhard gab es ein neues Plüschtier. Ich hatte es Schnuffi getauft. Ich antwortete. Eins, zwei. Wie ein unsichtbares Lächeln. Dann ließ ich dich los und ging mit meiner Mutter davon.

Über die Jahre verloren sich unsere Hände aus den Augen. Doch wenn ich bei dir war und wir uns die neusten Wutanfälle meiner Mutter mit Erdbeertorte und Kakao vergessen machten, erzähltest du mir Geschichten vom Krieg in Dessau und von harter Raguner Feldarbeit. Wenn ich bei dir übernachten durfte, sahen wir nach dem Abendbrot immer Schlagerlotto oder Goldene Kamera, bis mir die Augen zufielen. Wenn Opa dann noch Schicht an der Grenze hatte, durfte ich neben dir und der schwarzen Plüschkatze unter die schwere Federdecke kriechen. Es dauerte eine Zeit, bis man darunter eine warme Höhle hatte. Ich schlief immer schon vorher ein. Es war alles so ruhig.

Dann kamen die Jahre, in denen wir uns nicht viel sahen. Ich wurde sechzehn, uns trennten Welten voneinander. Manchmal nanntest du mich eine treulose Tomate. Es war ein geschmunzelter Vorwurf. Die Zeit verging, und nur bei Familienfeiern kroch ich noch mit deinen jüngeren Enkeln in den riesigen, alten Kleiderschrank. Bewaffnet mit Taschenlampe und dem Strick, der die Tür von innen zu hielt, warteten wir kichernd, ob uns jemand vermissen würde. Es roch nach altem Holz und nach süßem Weichspüler. Deine Kleider und Mäntel ragten über uns empor wie Zeugen aus einer anderen Zeit. Doch als wir das Klappern der Würfel im Wohnzimmer vernahmen, kamen wir freiwillig heraus. Ich stellte mich an deine Seite, half dir, die Einser und Fünfer schnell auszusortieren. Die Kleinen machten die Würfel unter dem Tisch ausfindig, wenn du mal wieder mit zu viel Schwung geworfen hattest. Deine Finger wurden auch langsam krumm, mit ihnen ließ sich der offene Würfelbecher nicht mehr gut verdecken.

Als ein neues Jahrtausend begann, zog ich in die Welt und ihr hattet jetzt einen grauen Golf. Dann verließ uns eines Tages Opa. Der Mann, an dessen Seite dein Leben einen Sinn ergab, Vater deiner vier Kinder, Gärtner, verwegener Skispringer, Bastler und Witzemacher. Die beste Spülmaschine aller Zeiten. Der Kartoffeln-in-Einem-Abschäler mit dem Wellensittich-Landeplatz zwischen dem Haarkranz. Als er sich zum letzten Mal mit Hilfe seiner Krücken aus dem Bett erhob, um sich ins Wohnzimmer zu schleppen, waren wir beide gerade beim Würfeln. Er stand im Türrahmen und starrte uns an. Wir starrten erst ihn und dann uns an. Wie ein Geist stand er vor uns, mit seinem weißen Pflegehemd. Niemand hätte gedacht, dass seine dünnen Beine ihn noch tragen könnten. Als du ihn überzeugt hattest, sich wieder hinzulegen, sah ich die Tränen in deinen Augen. Ich legte meine Hand auf deine.

Jetzt ist es soweit. Viele Jahre bist du einsam gewesen. Deine Knie waren unzuverlässig geworden und so hast du die Wohnung fast nie mehr verlassen. Unsere Besuche waren immer schön, immer zu kurz, immer zu wenige. Doch wenn ich mit deinen Urenkeln gekommen bin, haben deine Augen immer geleuchtet. Jetzt liegst du vor mir, atmest flach, deine Augen sehen ins Leere. Ich schiebe meine Hand unter deine und merke, dass sie kälter geworden ist. Die Nacht werde ich hier sein, an deiner Seite. Du hast nicht mehr die Kraft, meine Hand zu drücken, doch ich bin trotzdem da. Dann lässt du los und fliegst dem Licht zu.

Auf dem Weg über den Friedhof begleiten wir dich, deine Urne gleitet in die Tiefe hinab. „Mama, muss ich auch mal sterben?“ Ich weiß nicht, was ich jetzt antworten soll. Doch ich drücke die kleine Hand, die in meiner liegt. Eins, zwei.

© by C.W.

4 Kommentare zu „Chrissi W: Deine Hand

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  1. Sehr berührend und wunderschön geschrieben! Jede Zeile geht ins Herz. Eine meiner liebsten Stellen: Die Beschreibung des Mannes, an dessen Seite das Leben einen Sinn ergab, der Wellensittich-Landeplatz.

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  2. Eine wunderbare Geschichte, bei der ein paar Tränen meine Wange hinunterliefen.
    Und es fallen mir sofort weitere Geschichten ein, von meiner Oma, die jetzt schon lange oben ist.
    Wir haben uns Handküsse zugeworfen,
    Vielen Dank für Deine Geschichte.

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