Chrissi W: Durch die Nacht

Lautlos glitten die Reifen über den hellgrauen Asphalt. Wie ein Pfeil zerschnitt der Jaguar die heiße Wüstenluft und die weite Landschaft zog im Flimmern der Hitze vorüber. Sie wollte schnell sein, auf und davon fliegen. Sie lächelte, atmete tief ein, und dann trat sie auf das Gaspedal. Die Beschleunigung presste ihren Körper in die Lehne des Sportsitzes. Draußen zerrte die Geschwindigkeit an der Silhouette der Landschaft, bis sie lang gezogen an den getönten Fensterscheiben vorbei floss. Auf der Motorhaube sah sie die metallene Raubkatze, die sich geduckt, wie zum Absprung bereit, zu ihr umdrehte und die Zähne fletschte. Sie löste den Gurt, ließ das Lenkrad los und beugte sich nach vorn, während das Auto langsam von der Fahrbahn abkam.

Sie erhob sich und streckte ihren Arm nach dem Tier aus. Mit einem saugenden Geräusch, glitt erst ihre Hand und dann ihr gesamter Arm durch das Glas der Frontscheibe, das sich geschmeidig wie Wachs um ihre Haut legte. Draußen fühlte sie den enormen Luftstrom der Geschwindigkeit, dann wurde sie plötzlich komplett nach draußen gezogen. Sie flog durch die Luft und verlor die Kontrolle, wurde hin und her geworfen, als sei sie ein Blatt im Strudel eines gewaltigen Tornados. Alles geschah lautlos, doch der Sturm tobte sichtbar. Sie driftete weiter nach oben, und gerade flog sie einem blendenden Lichtstrahl entgegen, als sie plötzlich ein Geräusch hörte. Gedämpft drang es durch ihren Traum. Davon irritiert, verlor sie an Geschwindigkeit, trudelte und taumelte. Linda merkte, wie sie fiel. Sie wollte schreien, doch kein Laut verließ ihren Mund. Der einzige Ton, den sie hörte, war ein Klopfen. Als er in ihr Gehör drang, riss sie die Augen auf. Einen Moment lang starrte sie in die Dunkelheit, dann erinnerte sie sich. Sie befand sich im Schlafzimmer ihres Hauses am Rande der Stadt – und sie war allein. Seit ein paar Wochen stand Lindas Leben Kopf. Ihr Mann, Milan, hatte nach Jahren beschlossen, sich von ihr zu trennen. Die Wucht seiner Entscheidung hatte sie wochenlang wie betäubt umher laufen lassen. Ihre Welt war umgekippt wie eine falsche Kulisse. Wo Milan jetzt seine Nächte verbrachte, wusste sie nicht. Sie begrub jeden Schmerz in sich, um die Tage irgendwie überstehen zu können. An das Alleinsein konnte sie sich nicht gewöhnen.

Plötzlich hört Linda im Erdgeschoss ein leises Poltern. Sie zieht rasch die Decke über sich. Es kann Einbildung sein, ein letzter Fetzen ihres Traumes. Da fällt ihr Basko ein, ihr Labrador-Rüde, der unten im Hausflur schläft. Normalerweise hätte er angeschlagen. Wieso hat er nicht gebellt? Du musst dich beruhigen! Sieh nach, was los ist! Also steigt Linda aus dem Bett, der Wecker zeigt 3:25 Uhr. Sie spürt die kalten Fließen an den Fußsohlen und tastet sich im Dunkeln vorwärts. Das Licht lässt sie ausgeschaltet. Leise öffnet sie die Schlafzimmertür. Linda kann das Pulsieren ihres Herzschlages in den Ohren fühlen. Dann hört sie erneut ein Geräusch. Es kommt aus der Küche. Als sie von der obersten Stufe vorsichtig nach unten schaut, meint sie, durch das Dunkel eine Bewegung vor dem Küchenfenster zu erblicken. Das ist sicher der Mond, der den Schatten der Kastanie durch dein Fenster wirft! Langsam setzt sie den nackten Fuß auf die erste Stufe und greift mit zitternder Hand nach dem Geländer. Basko ist nicht zu sehen. Sein Korb am Ende der Treppe ist leer. Vorsichtig schreitet sie die Stufen weiter hinab. Da ist das Geräusch wieder, es klingt wie das leise Klappen einer Tür. Es kommt nun aus dem Wohnzimmer. Ein Schauer durchzieht Lindas Körper.

Ihr fällt der Waschbär ein, der sie neulich nachts so erschreckt hat, als er sich hinter dem Haus über Reste in der Mülltonne hermachen wollte. Sie war vom Scheppern des Tonnendeckels wach geworden und mit dem Feuerhaken in der Hand durch den Garten geschlichen. Sicherlich hast du vergessen, das Fenster zu schließen. Du hörst, was im Garten passiert. Doch gerade als sie sich das ausmalt, nimmt sie einen fremden Körpergeruch wahr. Nein, da ist kein Zweifel mehr. Dieser herbe Duft, das ist ein Mann und er ist in ihrer Wohnung. Jetzt ist sie fast auf der untersten Stufe angelangt, als diese plötzlich unter ihr knarrt. Verdammt! Im Dunkel verzerren sich Lindas Gesichtszüge. Es ist zu spät, um das Gewicht zurück zu nehmen. Sie verharrt, jeder ihrer Muskeln ist gespannt. Im gleichen Moment stoppt das Geräusch im Wohnzimmer. Es wird still im Haus am Rande der Stadt.

Dann geht alles sehr schnell, im Spiegel sieht sie gerade noch seine dunklen Augen. Den Rest seines Gesichts bedeckt eine Mütze. Mit drei, vier lautlosen Schritten ist er bei ihr. Seine Hände ergreifen sofort ihren Hals, schrauben sich zu, noch bevor sie begreifen kann, wo sie diese Augen schon gesehen hat. Er presst sie an die Wand, hart und unerbittlich nimmt er ihr die Luft. Ihre Augen weiten sich. In diesem Moment schnellt ihr Knie nach oben und trifft ihn mit voller Wucht. Da hört sie ihn zum ersten Mal. Er versucht einzuatmen. Den Moment nutzend, reißt sie sich los, rennt polternd die Treppe hinauf. Sie schlägt die Tür des Schlafzimmers hinter sich zu, doch mit Wucht wird diese von der anderen Seite aufgestoßen und Linda stürzt zu Boden. Schreiend versucht sie, sich aufzurappeln. Er packt ihren linken Fuß. Dieser schneidende Griff. Mit dem rechten tritt sie ihm mit aller Kraft ins Gesicht. Sie spürt das Knacken seines Nasenbeins. Er röchelt und lässt sie los. Die nächsten Sekunden tut Linda, was sie nie für möglich gehalten hätte. Mit einem Satz ist sie auf dem Balkon und springt sofort, ohne einen Moment des Zögerns, über die Brüstung in die Äste der Kastanie. Als nächstes vernimmt sie das Rascheln der Blätter, spürt einen brennenden Schmerz an ihrem Oberschenkel, als sie zwischen Ästen und Stamm herunter rutscht und am Boden aufschlägt. Als sie die Augen öffnet, sieht sie Basko. Er liegt bewegungslos im Gras, sein Maul ist weit geöffnet. Linda stöhnt. Mit letzter Kraft erhebt sie sich und sieht das Garagentor. Es steht offen, das ausströmende Licht erhellt die Nacht.

Einen Moment lang stand die Zeit still. Sie erblickte den Jaguar. Das satte Brummen seiner sechs Zylinder erfüllte den Raum. Auf der glänzenden Motorhaube saß das Tier, sah ihr tief in die Augen und fauchte leise. Da wusste sie, was zu tun war. Sie schleppte sich zum Wagen, ließ sich in den Sportsitz gleiten und atmete tief ein. Ihre Hände umschlossen das Lenkrad, dann trat sie auf das Gaspedal. Als sie davon fuhr, war nichts zu hören als das Rauschen wirbelnder Luft.

© by C.W.

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