Daniela Krien: Die Liebe im Ernstfall

Schon auf der Leipziger Buchmesse ist mir am Diogenes-Stand das Titelbild aufgefallen, auf dem eine Turmspringerin am Rande des Sprungbretts steht und über den Rand blickt. Ihre Körperhaltung verrät nicht, ob sie springen wird, sie wirkt noch verhalten. Die Wolken im Hintergrund verdeutlichen die Höhe. Es ist keine einfache Entscheidung. Als ich den Einband sah, wurde ich sehr neugierig auf den Inhalt des Buches. Jetzt habe ich Die Liebe im Ernstfall beendet und zufrieden neben mich gelegt.

Daniela Krien, 1975 in Neu-Kaliß geboren, porträtiert fünf Frauen, schätzungsweise um die 40, die in ihrem Leben an einen Punkt gelangen, an dem sie eine schwere Entscheidung treffen müssen. Der Ernstfall ist eingetroffen, die Liebe oder die Suche nach Liebe stellt sie alle auf eine Probe, sie hadern mit ihrem Schicksal, reflektieren und kämpfen.

Da ist Paula, die Buchhändlerin, die das Leben mit voller Wucht trifft, als ihr Kind stirbt. Wir treffen sie Jahre später, sie beginnt gerade, wieder neu zu lieben und blickt auf die vergangenen Jahre zurück. Ihrer Freundin Judith wird das zweite Kapitel gewidmet. Sie ist Ärztin, hat kaum Freizeit und versucht deshalb, ihr Liebesleben, so effektiv wie möglich, über Dating-Portale zu regeln. Dabei vergisst sie, das man Gefühle, seien es die eigenen oder die des Partners, nicht regeln kann wie eine Checkliste. Judith ist wiederum mit Brida befreundet, einer Buchautorin, die ihre große Liebe, Götz, längst gefunden hat, aber mit ihm und den zwei Kindern hadert, als sie beruflich zurückstecken muss. Brida hat Götz seinerzeit Malika ausgespannt. Im vierten Kapitel nimmt die Autorin sie in den Blick. Als Götz Malika verlässt, bricht ihr Leben auseinander. Sie wird nie wieder jemanden so lieben wie ihn. Wie kann ein Leben da noch gut verlaufen? Malikas Schwester Jorinde, sie ist Schauspielerin und mit einem Kind schwanger, das nicht von ihrem Mann ist, unterbreitet Malika ein Angebot, das ihr schlaflose Nächte bereiten wird.

Wie ein Vergrößerungsglas schwebt Daniela Kriens Blick über die Gefühle ihrer Hauptfiguren. Sie schafft es, dass man mit ihnen leidet und fühlt, dass man sie alle gleichsam versteht, obwohl sie so verschieden sind. Die etwas unsicher erscheinende Paula, die durchgeplante, kühle Judith, die geduldige, feinsinnige Malika. Keine von ihnen ist unsympathisch, der Blick der Autorin bleibt neutral, die Situationen nah an der Realität und deshalb glaubwürdig.

Zugegeben, der Blick der Autorin ist ein durch und durch weiblicher und ich weiß nicht, ob vielen Männern diese Lektüre zusagen wird. Mich, als Frau im ähnlichen Alter wie die Figuren, ließen die Zeilen nicht mehr los. Besonders spannend sind typisch weibliche Verhaltensweisen, wie das Immer-mehr-Wollen, obwohl man doch im Grunde glücklich ist. Uns Frauen stört jedoch das „im Grunde“ und so wird Brida von Götz eines Tages gefragt:

„Ob sie jemals daran gedacht habe, zu viel zu wollen, fragte er dann, und seine Stimme zitterte. Ob sie geglaubt habe, man könne alles haben, ohne Verzicht, ohne Beschränkung? Ob sie ernsthaft gedacht habe, sich Kinder und Kunst und Kultur und Freunde und Mann und Sex und Zeit zum Lesen und Zeit zum Nichtstun und spontane Fluchten und wer weiß was noch alles nehmen zu können, ohne einen Preis zu bezahlen?“

Götz ist Bridas große Liebe und sie begegnen dem Ernstfall, so wie es allen Paaren irgendwann im Leben einmal passiert. Doch heutzutage ist alles möglich, wir Frauen können mit entscheiden, in welchem Lebensmodell wir uns wiederfinden wollen und wo wir glücklich sind. Diese neue Freiheit der Frauen macht das Moderne in Daniela Kriens Roman aus. Die Verflechtungen der Figuren untereinander erschienen mir an mancher Stelle zu hoch gehängt, mit weniger deutlichen Hinweisen wäre es wohl spannender gewesen. Die mitschwingenden Unterschiede zwischen Menschen, die im Osten oder im Westen groß geworden sind, scheinen mir für das Erzählte nicht so wichtig und könnten deshalb noch mehr im Hintergrund bleiben. Aber! Ich habe meine Lektion gelernt – man kann nicht alles haben, auch bei einem guten Buch nicht.

ISBN: 978-3-257-07053-8

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2 Kommentare zu „Daniela Krien: Die Liebe im Ernstfall

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