T. C. Boyle: América

Es ist kaum vorstellbar, dass dieses Buch schon so viele Jahre auf dem Buckel hat. Es hat an Aktualität nichts eingebüßt – leider, muss man sagen. Nach dem Lesen ist es, als hätte T. C. Boyle mir vor Augen geführt, dass sich auch in 23 Jahren nicht viel verändert und dass wir, die im Wohlstand leben, nur uns selbst sehen. Unsere Vorstellung von Moral ist nur eine Laune, die auftaucht wenn es uns an nichts fehlt und somit stirbt, sobald wir unser Hab und Gut in Gefahr sehen.

Delaney Mossbacher und seine Familie sind Amerikaner, die in Arroyo Blanco Estates, einem Vorort von Los Angeles, nahe der Grenze zu Mexiko, leben. Ganz in der Nähe, in einem Canyon, haben sich zwei illegale Einwanderer aus Mexiko aus einfachsten Dingen eine Campingbehausung geschaffen. Cándido und América, ein Paar, dessen Träume auf das einfachste reduziert sind – ein Dach über dem Kopf und Arbeit – geraten von einem Unglück ins nächste, während sich die Einwohner Arroyos zunehmend abschotten um ihr Hab und Gut vor den Einwanderern zu sichern.

Schon auf der ersten Seite krachen beide Welten buchstäblich ineinander – Delaney fährt Cándido mit seinem Auto an. Besorgt und schockiert versucht Delaney zu begreifen, doch schon die Sprachbarriere macht die Kluft zwischen beiden deutlich. Die Rangfolge seiner Wichtigkeiten klärt sich auch sofort: Erst in dem Moment, als Delaney feststellt, dass der Blut spuckende Angefahrene überleben und ihn auch nicht verklagen wird, fühlt er sich plötzlich mildtätig und bietet an, ihn nach Hause zu fahren. Doch der Mexikaner fragt nur nach Geld und gibt sich mit 20 Dollar zufrieden, die der verwirrte Mann aus seinem Geldbeutel zieht. Er taumelt von dannen.

Durch die wechselnde Perspektive zwischen beiden Seiten erreicht Boyle einen besonders starken Kontrast, er lässt sie im Verlauf der Geschichte immer wieder aufeinander treffen. Bis ins kleinste Detail stimmen die Bilder. In den Namen seiner Figuren entblättert sich fast schon Ironie: Mossbacher – das klingt, als wären die Vorfahren Delaneys auch Einwanderer gewesen. Cándido – er macht seinem Namen Ehre, naiv glaubt er an eine Zukunft im post-industriellen Kalifornien, das auf noch mehr Einwanderer aus Mexiko pfeift. América – sie scheitert gemeinsam mit Cándido im Land der Hoffnung, dessen Namen sie trägt.

Boyle lässt ziemlich früh die Hoffnung sterben, dass die tiefen Gräben, die zwischen den reichen Amerikanern und illegalen Einwanderern existieren, überbrückbar seien. Statt dessen wachsen die Mauern und er treibt die Geschichte unaufhaltsam weiter. Die Lage spitzt sich immer mehr zu. Sobald man meint es könne nicht schlimmer kommen, kommt es schlimmer. Am Ende entlädt sich alles wie in einem Weltuntergangsszenario und erst im letzten Satz schimmert Hoffnung.

Gibt es diese Hoffnung wirklich? Können wir daran glauben? Oder folgt das Prinzip der Ausgrenzung einem alten, wiederkehrendem Muster von Wohlstandsgesellschaften? Trump will die Mauer zu Mexiko neu bauen. Die USA wollen unter sich bleiben, sie werden ihre Einwanderer-Geschichte damit ein für alle mal begraben. Doch noch hat Trump kein Geld vom Senat bewilligt bekommen, einige Demokraten und auch Republikaner halten dagegen. Ein Hoffnungsschimmer.

ISBN: 3-570-19511-2
[Werbung] America. Brigitte-Edition Band 3 von T. C. Boyle (2005) Gebundene Ausgabe

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