Jostein Gaarder: Ein treuer Freund

Von Ein treuer Freund hatte ich im Radio gehört und nur schnell den Titel notiert. Wochen später wusste ich nicht mehr worum es geht, und ich habe beim Kauf nicht mal den Klappentext gelesen, blind auf meine Notiz vertrauend. Zum Glück! So habe ich den überraschenden Moment des Buches miterlebt und nicht schon vorher erfahren.

Hauptfigur ist Jakop Jacobsen, ein älterer Herr um die 60, der rückblickend seine Begegnung mit Agnes schildert, die er auf einer Beerdigung kennengelernt hat. Dabei holt er wirklich weit aus und schreibt ihr einen langen Brief, 270 Seiten.

Zwei Dinge waren es, die mich beim Lesen verwirren. Erstens: Truls, Liv-Berit, Aurlandsdalen, Tyholmen – es fallen viele norwegische Namen und ich konnte mir die meisten, und somit familiäre Zusammenhänge und Orte, nicht merken. Ungünstig! Denn die Hauptfigur zieht von einer Beerdigung zur nächsten. Viele Leute, viele Orte. Wie gut, dass es Jakop genau so geht. Zweitens: Er springt in der Zeit vor und zurück, arbeitet sich nicht chronologisch zur Begegnung zwischen Agnes und ihm hin. Das wird zwar angekündigt und auch Zweifel über die richtige Vorgehensweise werden gehegt, aber das machte das Lesen nicht leichter.

Die aus dem Brief resultierende Ich-Perspektive, bringt den Leser sehr nah an die Figur. Ich teile Jakops Begeisterung für die Herkunft von Wörtern und alte Götter des Nordens. Er ist einsam, vielleicht ein wenig anders, aber zunächst habe ich nicht verstanden warum. Der perspektivische Rückblick, die Tatsache, dass mit dem Schreiben des Briefes an Agnes alles schon passiert ist, nimmt dem Buch die Dynamik und Spannung. Mehr als einmal habe ich unübersichtliche Passagen  übersprungen. Sprachwissenschaftliche Betrachtungen waren zunächst noch interessant aber später langweilig. Auf Seite 111 fielen dann plötzlich die Hüllen. Erschreckend – ich war ihm bis hierher quasi ohne Hinterfragen gefolgt! Ab da nimmt die Geschichte Fahrt auf. Vor allem, was es mit seinem Freund Pelle auf sich hat, ist ziemlich interessant. Details müsst ihr selbst lesen.

Da ich nun Jakops Gedankengänge und Motivation weiß, denn er erklärt sie Agnes in seinem Brief, empfinde ich viel Sympathie für diesen Mann. Ich habe verstanden, dass für jemanden, der sein ganzes Leben einsam gewesen ist, die Begegnung mit der Person, die ihn versteht, äußerst wertvoll ist. Die tiefe Wertschätzung für das Gegenüber und die schonungslose Selbstbetrachtung spiegeln sich in jeder Zeile an Agnes wider.

„Allen anderen außer uns muss auffallen, dass wir unergründlich rätselhaft sind. Nur wir selbst sehen es nicht. Wir staunen nicht darüber, was wir sind.“

ISBN: 978 3 446 25443 5
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