Hannah Tinti: Tanz der Tiere

Das schöne an Erzählungen ist, dass sie sich aufs Wesentliche konzentrieren. Da sollte man sich beim Lesen gleich mit konzentrieren, denn alles kommt geballt auf einen zu. Dieser Erzählband enthält elf Geschichten, in denen Tiere den Menschen begleiten,  eine sinnbildliche Nebenrolle einnehmen, mal mehr mal weniger deutlich.


Tinti, eine amerikanische Jung-Autorin, beschäftigt sich in ihrem Debüt mit menschlichen Abgründen und inneren Konflikten. Wir bewegen uns im Leben sehr unterschiedlicher Leute, die, wenn man genau hinsieht, alle tief sitzende Verletzungen mit sich tragen. Da ist zum Beispiel eine verlassene Geliebte, welche ihrem nichts ahnenden Ex-Liebhaber sein eigenes Haustier gebraten auf Salat vorsetzt und sich damit auf sehr weibliche Art an ihm rächt. Eine andere Frau erschießt ihre Nachbarin, weil diese mit ihrem Gatten ein Verhältnis hat. Die Gegend ist idyllisch, aber alles ist nur Schein. Hier ist man zu allem fähig, zu bedingungsloser Liebe und kaltblütigem Mord.

Uns begegnet Fantasiereiches, Schräges, Abgründiges. Es gibt Zoogiraffen, die ihrem Direktor ein Manifest zukommen lassen, in dem sie bessere Lebensqualität fordern. Der Direktor beschließt, mit seinen Giraffen genau so umzugehen wie mit seiner osteuropäischen Gattin – nach außen gibt er den donnernden Macho, hinter der Kulisse will er ihnen aber jeden Wunsch erfüllen, er liebt sie ja schließlich. Ein Tierpfleger bringt jeden Abend seinen Kopf unter den Fuß eines Elefanten, weil er sich die Übergriffe auf seine Exfrau nicht verzeihen kann. Ein Süßwarenverkäufer erschlägt den liebsten Hahn seiner Frau, weil sie ihm die Schuhe zu fest zugebunden hat. Ein Junge bringt seinem Kaninchen das Fliegen bei, er hat weder Bezug zu dem Wesen des gequälten Tieres, noch zum Vater, der es ihm geschenkt hat.

Originell ist die Art, wie Tinti ganz subtil die Handlung aufblättert, mal in Vor- und Rückblenden, mal chronologisch. Zeitweise wirken die Rollen der Tiere etwas hinein gebastelt. Der Killer Ambruzzo verliebt sich in das Mädchen seiner Schulklasse, das einen amerikanischen Präriebüffel gezeichnet hat, bleibt aber der Karriere treu und wird trotzdem erschossen. Wer nicht den Sinn erkennt, sucht nach Symbolen. Aber wofür steht ein Präriebüffel? Das wissen wohl nur die echten Amerikaner. Da ist ein Hund, der einen Tatort durchstreift, dann jedoch aus der Handlung verschwindet. Komisch einerseits. Hier erstellt Tinti aber auch ein absolut detailgetreues Hundeportrait. Buster ist ein stets nach Essbarem suchender, umher-sabbernder Labrador-Retriever,  genau die richtige Rasse, um ganz unbekümmert dem toten Clyde die Cap’n Crunch Frühstücksflocken vom Körper zu schlecken. Auf die Art, die Handlung im Detail auf die Spitze zu treiben, kann sich Hannah Tinti an komplizierte zwischenmenschliche Beziehungen herantasten. Sie verwendet treffgenaue Bilder, die am Ende keine Fragen übrig lassen.

„Als sie ihre Trauer überwunden hatte, wurde ihr Sohn ihr Mann. Sie senkte diese Verantwortung in ihn wie einen Angelhaken, zupfte an der Leine und holte ihn wieder zu sich heran, wenn sie das Gefühl hatte, er könnte ihr entwischen, und allmählich drangen ihm die Spitzen so tief ins Fleisch, dass es ihn umgebracht hätte, sie herauszuziehen.“

ISBN: 3-630-87166-6
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