Durch die Nacht

Lautlos glitten die Reifen über den hellgrauen Asphalt. Wie ein Raumschiff zerschnitt ihr Jaguar die heiße Wüstenluft und die weite Landschaft zog im Flimmern der Hitze an ihr vorüber. Sie wollte schnell sein, nur auf und davon fliegen. Sie lächelte, atmete tief ein, und dann trat sie ungehemmt auf das Gaspedal. Die Beschleunigung presste ihren Körper in die Lehne des Sportsitzes. Raum und Zeit verzerrten die Silhouette der Landschaft und sie floss zäh an den getönten Fensterscheiben vorbei. Auf der Motorhaube sah sie die Raubkatze, die sich geduckt, wie zum Absprung bereit, zu ihr umdrehte und die Zähne fletschte. Sie löste den Gurt, ließ das Lenkrad los und beugte sich nach vorn. Langsam streckte sie ihren Arm nach dem Tier aus und griff dabei durch das Glas der Frontscheibe. Es war geschmeidig wie Wachs und gerade als sie den enormen Luftstrom der Geschwindigkeit auf der Hand spürte, wurde sie komplett nach draußen gezogen. Ihr Körper gehorchte ihr nicht mehr, sie schlingerte und verlor die Kontrolle, abgezogen von allem irdischen, als sei sie ein Blatt im Strudel eines gewaltigen Tornados. Das alles geschah so lautlos, wie nicht einmal die Nacht es sein konnte. Doch der Sturm tobte sichtbar, sie driftete immer weiter nach oben und gerade flog sie einem blendenden Lichtstrahl entgegen, als sie plötzlich ein Geräusch hörte. Sehr leise und gedämpft drang es durch ihren Traum. Davon irritiert, verlor sie an Geschwindigkeit, trudelte und taumelte, merkte, wie sie fiel und wollte schreien, doch wieder verließ kein Laut ihren Mund. Der einzige Ton den sie hörte, war ein Klopfen. Als er in ihre Ohren drang, riss sie die Augen auf. Einen Moment lang starrte sie in die Dunkelheit, die sie umfing, dann erinnerte sie sich. Sie befand sich im Schlafzimmer ihres Hauses am Rande der Stadt – und sie war allein.

Seit ein paar Wochen stand Lindas Leben Kopf. Tudor, ihr Mann, hatte nach all den Jahren beschlossen, sich von ihr zu trennen. Die Wucht seiner Entscheidung hatte sie hart getroffen und wo er jetzt seine Nächte verbrachte, wusste sie nicht. An das Alleinsein hatte sie sich noch nicht gewöhnen können. Wilde Träume wie dieser begleiteten sie Nacht für Nacht. Jetzt hörte Linda von unten ein gedämpftes Poltern, eine eilig geschlossene Schranktür. Sie erschrak und zog schnell die Decke über sich. Es konnte Einbildung sein, ein letzter Fetzen ihres Traumes. Panisch versuchte sie, sich selbst zu beruhigen und wollte im ersten Moment einfach unter der Decke versteckt bleiben. Da fiel ihr Stromer ein, ihr Labrador-Retriever, der unten im Hausflur schlief. Wieso hatte er nicht gebellt? Nein, sie musste nachsehen, was los war.

Also stieg sie aus dem Bett, strich über ihr Nachthemd und öffnete leise die Schlafzimmertür. Ihr Herzschlag pulsierte plötzlich so stark in den Ohren, dass er das leise Klappen unten in der Küche fast übertönte. Doch es war da. Als Linda von der obersten Stufe vorsichtig nach unten schaute, meinte sie, durch das Dunkel eine Bewegung vor dem Küchenfenster zu erblicken. Oder spielte ihr das einfallende Licht des Mondes einen Streich? Langsam setzte sie den nackten Fuß auf die erste Stufe und hielt sich mit zitternder Hand am Geländer fest. Der Hund war nicht zu sehen. Sein Korb am Ende der Treppe war leer. Vorsichtig schritt sie die Stufen weiter hinab. Da war es wieder, dieses Mal aus dem Wohnzimmer. Linda spürte, wie ihr ein eisiger Schauer über den Körper lief. Ihr fiel der Waschbär ein, der sie neulich so erschreckt hatte, als er sich hinter dem Haus über Reste in der Mülltonne hatte hermachen wollen. Sie war vom Scheppern des Tonnendeckels wach geworden und vorsichtig durch den Garten geschlichen. Gerade wollte sich Linda einreden, es sei wohl wieder ein hungriges Tier zu Besuch, als sie einen fremden Körpergeruch wahrnahm. Nein, das hier war kein Tier. Dieser herbe Duft, das war ein Mann und er war in ihrer Wohnung. Sie war fast auf der untersten Stufe angelangt, als diese plötzlich unter ihr knarrte. Es war zu spät um das Gewicht zurück zu nehmen. Sie verharrte, jeder Muskel unter dem Nachthemd war straff gespannt. Im gleichen Moment stoppte das Geräusch im Wohnzimmer. Es wurde still im Haus am Rande der Stadt.

2 Kommentare zu „Durch die Nacht

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  1. Ein Text, der große Lust macht auf mehr: spannend geschrieben und mit sehr viel Potential. Der Übergang vom fantastischen Traum in die Wirklichkeit der dunklen Nacht ist sehr gut gelungen, man meint, das leise, aber penetrante Klopfen zu hören und zittert sich mit Linda die Treppe hinunter. Die drängende Frage: wie geht es weiter? Doch das Kopfkino ist schon angesprungen, bei jedem Leser /jeder Leserin läuft ein individueller Film ab. Vielversprechend – weiterschreiben!

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