Bibliotherapie – Das weite Beugen aus dem Fenster

Unsere Leiden sind so vielfältig wie Therapien, die sie heilen sollen. Und jetzt auch noch Bibliotherapie? Sie verspricht Heilung durch das Lesen von Büchern, für jede Lebenskrise gibt es eine Buchliste. In England verordnen Therapeuten ihren Patienten bereits Bücher bei Angststörungen, Depressionen oder ähnlichen mentalen Erkrankungen. Und die Kasse zahlt. Zu den Heilungschancen jedoch gibt es bisher wenig Untersuchungen oder Statistiken.

Ich liebe Bücher, doch unter medizinischen Gesichtspunkten habe ich sie noch nie betrachtet. Therapeuten, die ausschließlich auf das Lesen setzen, beugen sich weit aus dem Fenster. Auch die Literatur hat ihre Grenzen. Denn ein verordnetes Buch ist vielleicht nicht immer das, was man mit Freude in die Hand nimmt. Sofort fallen mir die zahllosen Ratgeber ein. Bei dem Gedanken an die staubtrockenen Texte mit dauerhaft erhobenem Zeigefinger kann ich mir gut vorstellen, dass eine Therapie nach hinten los geht.

Ein gutes Buch muss man selbst finden. Okay, dabei kann es schon passieren, dass einen die Suche nach Abenteuer zu Jules Verne, der Wunsch nach Nervenkitzel zu einem guten Krimi, oder die Sehnsucht nach Natur zu Paolo Cognetti führt und damit zufällig der Liste eines Bibliotherapeuten entspräche. Aber mit einer Frage, die einem bereits auf den Lippen liegt, kann man immer das richtige Buch finden, da reicht oft ein guter Buchhändler.

Bücher wirken nicht gegen eine konkrete Krankheit. Und bei Zahnweh oder Haarausfall geht man besser zum Arzt statt in die Buchhandlung. Dennoch: Lesen kann unsere Gesundheit beeinflussen. Es schützt unseren Geist vor allem hintergründig, Ein gutes Buch bietet Zuflucht, einen Raum der Entspannung. Hier liegt seine zentrale Kraft.

Romane sind dabei besonders stark. Es sind Geschichten, die erst einmal nichts mit uns zu tun haben. Wir wechseln in eine andere Welt, ohne die Absicht, uns auszukurieren oder auf der Suche nach Antworten. Wir flüchten aus dem Rauschen des Tages. Lesen bedeutet vor allem Zeit, die man nur mit sich in der anderen Welt verbringt. Ein mentaler Urlaub.

Allein der Zustand des Lesens, auf der Couch fläzend, im Zug sitzend oder in der Hängematte baumelnd, wirkt vorbeugend therapeutisch. Wer das Richtige liest, entspannt nach den ersten Zeilen, versinkt und träumt. Es ist ein Zustand zwischen Spannung und Entspannung. Man hat von beidem etwas.

Darum sollte man nicht nur lesen, wenn man krank ist oder verzweifelt. Im Gegenteil: Wer liest, sorgt vor. Bücher sind nicht Verbandskasten, sondern ein guter Vitaminkomplex. Doch immer sollte man das lesen, was man gern mag.

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